Schola Cantorum Basiliensis

Improvisation an der Schola Cantorum Basiliensis


Schriftlose Praxis

Die Verdrängung der schriftlosen Musikpraxis durch eine immer präziser werdende Notation durchzieht die abendländische Musikgeschichte wie ein roter Faden. Dieser Prozess führte im 20. Jahrhundert zur fast völligen Bedeutungslosigkeit der Improvisation im Bereich der klassischen Musik. Für einen Musiker der Barockzeit wäre die heutige Situation, in der die Interpretation von Kompositionen im Mittelpunkt von Konzertleben und Musikausbildung steht, äusserst befremdend. Denn ein hoch spezialisiertes Literaturspiel, wie es unserer Tage gepflegt wird, wurde im 18. Jahrhundert mit Verachtung gestraft: „Es gibt viele die auf dem Clavier ein Stück vom Blat gantz gut wegspielen […] ja viele können wohl ziemlich lange und schwere Stücke auswendig lernen, und so dann daher spielen: Wenn sie aber auch nur wenige Tacte aus dem Kopffe [aus dem Stegreif] machen sollen, so bricht ihnen der Angstschweiss aus […] Sie sind wie die Nonne, die wohl den lateinischen Psalter herlieset oder singt, aber nichts davon verstehet.“ (Georg Andreas Sorge 1745). Die Fähigkeit, sich in der gängigen Musiksprache improvisierend auszudrücken, gehörte nicht nur zum Rüstzeug eines jeden ernst zu nehmenden Musikers, sie wurde vielmehr als „höchster practischer Gipffel in der Music“ (Mattheson 1739) angesehen.

Generalbass und die Folgen

Trotz dieser Tatsache führte die Improvisation – selbst in der Alten Musik – lange Zeit ein Schattendasein. Erst mit der stilistisch differenzierten Rekonstruktion der historischen Generalbass-Praxis durch Jesper B. Christensen rückte die Improvisation auch unter den Studierenden historischer Tasteninstrumente immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Mit Rudolf Lutz konnte 1990 ein Lehrer gewonnen werden, der durch sein umfassendes Fachwissen und sein pädagogisches Geschick für die Improvisation zu begeistern vermag. Mit Emmanuel Le Divellec und Markus Schwenkreis traten 1999 zwei Dozierende an seine Seite, die die stetig wachsende Klasse mitbetreuen. Später ergänzten  Nicola Cumer und Sven Schwannberger das Lehrerteam der Klasse für Improvisation. In 2014 trat Dirk Börner die Nachfolge von Rudolf Lutz an.

Improvisation als „historisch informierte“ lebendige Praxis

Seit 2004 zusammen mit Gaël Liardon (bis 2010) in der Forschungsgruppe Basel für Improvisation (FBI) vereint, widmet sich dieses Kollegium intensiv der Rekonstruktion der historischen Improvisationspraxis mit dem Ziel, die Studierenden zu einem aktiven und schöpferischen Umgang mit den Stilmitteln verschiedener Epochen anzuleiten und ihre Interpretationen durch die Vertiefung ihres harmonischen und kompositionstechnischen Verständnisses hörbar zu verbessern. Daneben sollten Improvisationen als ernst zu nehmende künstlerische Leistungen auch selbst in Konzerten erklingen, zum einen, weil eine Wiederbelebung der alten Praxis des „Präludierens“ als wesentlicher Bestandteil der Rekonstruktion historischer Aufführungspraxis angesehen werden muss, zum anderen, weil die Kunst der „compositio extemporanea“ nur auf der Bühne ihre Wirkung entfalten kann. Dieser Tatsache trägt auch der Master-Studiengang mit Schwerpunkt Improvisation Rechnung.

Einen guten Einblick in die improvisatorische Forschungsarbeit an der Schola Cantorum bieten das in Vorbereitung befindliche Compendium Improvisation und die jährlich durchgeführten Studientage Improvisation.

Informationen über:

- FBI / Forschungsgruppe Basel für Improvisation
- Compendium Improvisation
- Studientage Improvisation