Schola Cantorum Basiliensis

Gründungsprogramm der Schola Cantorum Basiliensis  (November 1932)

Es besteht die Absicht, in Basel ein Forschungs- und Lehr-Institut für alte Musik unter dem Namen Schola Cantorum Basiliensis ins Leben zu rufen. Seine Aufgabe ist die Erforschung und praktische Erprobung aller Fragen, welche mit der Wiederbelebung alter Musik zusammenhängen, mit dem Ziel, eine lebendige Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Praxis herzustellen. Die Schola Cantorum Basiliensis wird ihre Ergebnisse kundtun durch Aufführungen und Neuausgaben, sowie durch Berichte in einer eigenen Zeitschrift. Unterricht im Spiel auf alten Instrumenten und Übungen in der Wiedergabe älterer Werke im Geist ihrer Epoche werden dem studierenden wie auch dem beruflich tätigen Musiker Gelegenheit bieten, sich weiterzubilden und in allen einschlägigen Fragen Rat zu holen.

Die Musikwissenschaft bemüht sich seit mehr als 80 Jahren darum, die Werke großer Meister der Vergangenheit unserer Zeit zugänglich zu machen. Die Marksteine dieser Arbeit bilden die Gesamtausgaben der Werke von Joh. Seb. Bach, Pierluigi da Palestrina, Georg Friedrich Haendel, Heinrich Schütz, Jean Philippe Rameau u.a. Diese wissenschaftlichen Ausgaben dienen dem Musikleben von heute jedoch nur mittelbar. Sie bilden in erster Linie die Grundlagen für die Forschung. Für den ausübenden Musiker bedürfen sie in den meisten Fällen einer gewissen Bearbeitung, da bei unsern Künstlern selten die stilistische Sachkenntnis und das historisch geschulte Einfühlungsvermögen in den Geist der alten Musik vorausgesetzt werden kann, deren es bedarf, um ältere Notentexte sinngemäß zu deuten. Dazu kommen die Fragen der Verwendung alter Instrumente, auf welchem Gebiete die Unterscheidung zwischen wirklich Gutem und Unzulänglichem für den Anfänger schwer, wenn nicht gar unmöglich ist. Andererseits ist die Erforschung der älteren Aufführungspraxis in der Musik noch keineswegs abgeschlossen. Die Auffassungs- und Stilfragen werden noch verschiedene Wandlungen durchmachen. Dabei kann der Künstler dem Forscher mit Rat und Tat an die Hand gehen; denn bei den mannigfachen Problemen, die der Historiker allein nicht ohne weiteres oder unter Umständen überhaupt nicht zu lösen vermag, kann die Wiedergabe durch hervorragende Kräfte die sinngemäße Deutung offenbaren. Solche Erwägungen führen zur Einsicht, daß die dauernde Zusammenarbeit von Künstler und Wissenschaftler notwendig ist, um Resultate zu zeitigen, welche überpersönlichen und bleibenden Wert beanspruchen können.

Zahlreiche, in der Mehrzahl unbefriedigende Versuche sind angestellt worden, alte Musik in annähernd originaler Form wiedererstehen zu lassen. Daneben stehen aber eklatante, wenn auch seltene Beispiele gelungener Unternehmungen. Zu nennen ist vor allem die Lebensarbeit von Wanda Landowska, die dank ihrem virtuosen Können, ihrem stilistischen Einfühlungsvermögen und ihrem zähen Enthusiasmus das "tonarme" Tasteninstrument der Zeit Joh. Seb. Bachs im lärmenden Musikbetrieb unserer Tage zum Siege geführt hat. Sie hat mit dem Einsatz ihrer hervorragenden Künstlerpersönlichkeit gezeigt, daß die Meister der Vorzeit uns an Klangsinn keineswegs unterlegen waren, und daß die Cembalo-Musik erst dann ihre Sprache mit voller Beredsamkeit sprechen kann, wenn sie auf dem Instrument erklingt, für das sie geschrieben wurde.

Was Wanda Landowska auf dem Gebiet ihres Instrumentes in vollendeter Weise erreicht hat, gilt es auch für andere Instrumente, für die Kammermusik- und Orchesterbesetzungen und für den Solo-, Ensemble- und Chorgesang zu leisten. Das ist die große, umfassende Aufgabe der zu gründenden Schule.

Die dringende Notwendigkeit eines solchen Institutes wird klar erwiesen, ja geradezu gefordert durch die dominierende Rolle, welche die ältere Musik in unsern Konzertprogrammen spielt. Der Name Joh. Seb. Bachs allein genügt, um an die Bedeutung dieser Aufgabe für unser Musikleben zu erinnern; denn bei den Aufführungen seiner Werke, wie auch derjenigen von Haendel, Schütz, Palestrina und andern ältern Meistern, tauchen immer wieder zahlreiche Fragen auf, wie diejenigen der Besetzung, des Tempos, der Dynamik, der Phrasierung, der Verzierung, der Improvisationspraxis, der Behandlung der Instrumente (Bogentechnik, Ansatz der Bläser etc.), der Textbehandlung, der Anpassung an den Raum, der Auffassung usw. Solchen Fragen steht der Musiker heute meist ratlos gegenüber. Mehr und mehr beginnt auch die Musik der Renaissance und des Mittelalters die Beachtung der Fachwelt und der Laien auf sich zu ziehen und ihren Einfluß auf die Komponisten unserer Tage auszuüben. Hier gilt es, die Vermittlung anzubahnen zwischen der kritisch wissenschaftlichen Forschung und der Musikpflege. In enger Zusammenarbeit von Vertretern der Wissenschaft und von praktischen Musikern sollen alle Fragen, welche bei der Wiederaufführung älterer Werke in Betracht kommen, geprüft und erprobt werden. Als Resultat sollen sich einwandfreie Aufführungen auf den originalen Instrumenten und praktische Ausgaben von wertvollen Werken ergeben, welche bisher dem Musiker nicht zugänglich waren. Ein Beispiel ist Monteverdis "Orfeo ", dessen Partitur Probleme für eine Wiederaufführung in solcher Menge birgt, daß alle bisherigen Versuche, diese lockende und verdienstliche Aufgabe zu lösen, unzulänglich blieben oder gänzlich scheiterten. Daneben sei an die Reihe Rameau'scher und Haendel'scher Opern erinnert, deren Wiederaufführung eine wertvolle Bereicherung des Bühnenrepertoires verspricht. Auch von Purcell und Schütz sind zahlreiche Werke für den ausübenden Musiker noch nicht erreichbar. Ganz zu schweigen von den Kostbarkeiten, welche in Handschriften der Bibliotheken vorerst noch den Forscher beschäftigen müssen. Welch reizvolle Welt würde eine Renaissance der Laute, des Hausinstrumentes der Humanistenzeit, erstehen lassen, und welche Schätze der Chormusik Niederländischer Meister, die so lange verkannt worden sind, wären noch zu heben! An die Frühzeit der mehrstimmigen Musik, an den Gregorianischen Gesang, an die Musik der Troubadours, Trouveres und der Minnesänger sei nur erinnert, um auf das weite Arbeitsfeld wenigstens hinzuweisen, das der Durchackerung harrt.

Die Inangriffnahme dieser Aufgabe soll durch die zweckmäßige Organisation der Schola Cantorum Basiliensis ermöglicht werden. Den Kern der Schule bildet das Colloquium der Lehrer, in welchem die gemeinsamen Aufgaben besprochen und durchgeprobt werden sollen. Dem Lehrkörper müssen tüchtige Spieler aller wichtigen ältern Instrumente und Sänger angehören, welche die verschiedenartigen Besetzungen übernehmen, die nötig sind, um die Ergebnisse der Besprechungen zu erproben. An den Colloquien sollen vor allem auch Vertreter der Musikwissenschaft teilnehmen, um mit ihrem Rat und ihrer Begutachtung und durch Bekanntgabe der historischen Voraussetzungen die Diskussion zu unterstützen und anzuregen. Das Gutbefundene soll in regelmäßigen Studienaufführungen zunächst der Schule und ihren Freunden und von Zeit zu Zeit in Auswahl der Öffentlichkeit dargeboten werden. Neben dieser zentralen gemeinsamen Arbeit des ganzen Institutes soll der Unterricht im Spiel älterer Instrumente, Gesang, theoretischer, historischer und anderer Fächer einhergehen, insofern sie mit der Interpretation älterer Werke zusammenhängen. Der Unterricht soll in zwei Abteilungen erteilt werden, einer externen für Spezialfächer, und einem internen, einjährigen Kurs, welcher eine allgemein fundierte Einführung in die Musikübung der vorklassischen Zeit vermittelt. Bedingung für den Besuch der internen Abteilung ist eine abgeschlossene, konservatorische Ausbildung. Ein kleiner Elitechor und die Kammermusikgruppe der Lehrer sollen dem Institut zur Verfügung stehen, gleichsam als Instrument der Colloquien, dann aber auch zu Konzerten und Tourneen, um für die Idee der Schule und ihre Ergebnisse zu werben. Auch ist beabsichtigt, einen Knabenchor heranzubilden. Die Schola Cantorum Basiliensis wird eine Fachbibliothek von Büchern und Noten erhalten müssen, ebenso ein Schallplattenarchiv und eine Versuchsaufnahmestelle, um die Resultate der Übungen festhalten zu können. Eine eigene Zeitschrift soll über die Arbeitstätigkeit Bericht geben. Sie wird zugleich den schweizerischen Musikwissenschaftlern offen stehen und damit als regelmäßig erscheinendes schweizerisches musikwissenschaftliches Organ eine bestehende Lücke ausfüllen. Es ist auch vorgesehen, für Meisterkurse die namhaftesten, für ältere Instrumente spezialisierten Künstler zu gewinnen, ebenso Sonderforscher der Musikwissenschaft für Vorträge.

Die Abgrenzung der Aufgabe der neuen Schule gegen die Lehrgebiete der Universität einerseits und der Musikschule und des Konservatoriums anderseits liegt schon in ihrer Zielsetzung ausgesprochen. Die Universität ist die Stätte der unabhängigen Forschung, deren Resultat die Schule verwertet. Eine Doppelspurigkeit ist nicht zu befürchten, da die Schule auf dem Boden der Praxis steht und nur nach Ergebnissen strebt, welche für die heutige konzertmäßige Wiedergabe älterer Musik wichtig sind. Dem Konservatorium gegenüber bildet die Schule ebenfalls keine Konkurrenz; denn das Hauptziel dieses Institutes, die technische und musikalische Bildung seiner Zöglinge, läßt stilistische Fragen auf dem Gebiet der älteren Musik und in dem Ausmaß, wie sie das Programm der neuen Schule enthält, in den Hintergrund treten, und das Spiel auf alten Instrumenten wird dort nicht oder nur sporadisch gelehrt. Die neue Schule ist vielmehr als Ergänzung des Konservatoriums aufzufassen und als Versuchsstätte für die Forscherarbeit der Universität.

Von Institutionen mit ähnlicher Zielsetzung in Paris, Berlin, Freiburg im Breisgau und anderorts unterscheidet sich die Schola Cantorum Basiliensis dadurch, daß sie die Erforschung der Gegebenheiten für die Aufführungen alter Musik und die Lehrtätigkeit auf diesem Gebiete als ihre zentrale und einzige Aufgabe betrachtet, während diese Fragen für die erwähnten Anstalten ein Teil- oder Nebenziel darstellen neben dem Hauptzweck, beispielsweise der Heranbildung von Kirchen- und Schulmusikern. Die Schola Cantorum Basiliensis wird durch die Einheitlichkeit ihres Zieles und durch die Heranziehung von ausgewählten Spezialkräften auf breiterer Grundlage arbeiten und ihre Aufgabe umfassender erfüllen können.

Die Schola Cantorum Basiliensis könnte dem Vorwurf begegnen, sie sei nur dem Spezialisten nützlich. Dieser Einwand ist abzuweisen; denn das neue Institut will eine universale Aufgabe von kultureller Bedeutung erfüllen. Die Schule will nicht nur die heutige Pflege alter Musik fördern und unterstützen, sondern über den Tagesbedarf hinaus eine Pionierarbeit auf lange Sicht leisten. Sie will durch die Konzentration der Kräfte über die Unzulänglichkeit verstreuter Versuche hinausdringen zu Resultaten von genereller Bedeutung. Sie wendet sich damit gegen den Dilettantismus, mit dem heute die einschlägigen Probleme vielfach behandelt werden. Sie setzt sich in Gegensatz zu Modeerscheinungen wie den "Blockflöten- und Cembalorummel", welche der Sache, der zu dienen sie vorgeben, mehr schaden als nützen. Sie bekämpft auch die Fälschungen, für welche bedauerlicherweise die augenblicklich besonders günstige Konjunktur ausgenützt wird. Im Gegensatz zu solchen Auswüchsen möchte sie durch die Zusammenfassung der geeigneten Spezialkräfte auf ihrem ganzen Forschungs- und Lehrgebiet sinnvolle und planvolle Arbeit leisten. Sie will also keineswegs alte Musik und das Spiel auf Originalinstrumenten um ihrer selbst willen fördern. Es handelt sich nicht um die Propagierung von Museumsstücken, sondern um die Wiederaufführung und Wiederbenützung solcher Werke und Instrumente, die geeignet und wertvoll erscheinen. In Betracht kommt nur, was in einem lebensvollen Verhältnis zu neuzeitlichem Empfinden steht und dadurch für die Entwicklung der Musik bedeutsam ist. Die Schola Cantorum Basiliensis stellt sich somit eine Aufgabe, die nicht nur dem lokal baslerischen, sondern auch dem schweizerischen Musikleben zugute kommen wird und darüber hinaus demjenigen der ganzen musikalischen Welt.

Die Schola Cantorum Basiliensis wird dazu beitragen, den guten Namen Basels als den einer Kulturstätte erneut verbreiten zu helfen. Basel als Sitz der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft ist wohl besonders geeignet, der Sitz dieser Schule zu werden. Basel mit seiner reichen musikalischen Vergangenheit und begünstigt durch seine Lage als Grenzstadt zwischen zwei Hauptkulturländern hat seit dem Mittelalter die Rolle des Austauschplatzes auch von musikalischen Gütern innegehabt. Besondere Anregung auf dem Gebiete der Musik ging von seiner Universität und ihren akademischen Kreisen aus. Basel ist der Ort, wo früher schon die großen Werke der Vorzeit ihre besondere Pflege erfahren und Verständnis gefunden haben, und so ist hier wohl auch der kulturelle Boden vorhanden, in dem eine Institution mit den Aufgaben der Schola Cantorum Basiliensis Wurzel fassen und gedeihen kann.

Basel, November 1932